Webbasierte Erwerbsarbeit

Ausgangslage und Ziel

Erwerbsarbeit unterliegt seit einigen Jahren einem umfassenden Wandel, der in der Arbeits- und Industriesoziologie unter den Begriffen „Entgrenzung“, „Subjektivierung“ und „Prekarisierung“ sowie dem Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ (Voß/Pongratz 1998) bzw. der „ArbeitskraftmanagerIn“ (Winker/Carstensen 2007) diskutiert wird. Neben der Ausdifferenzierung von Arbeitsformen und -inhalten, Arbeitszeiten und -orten in vielen Bereichen kommt es zu einer Reduzierung der Kontrolle und zur Förderung selbst organisierten Arbeitens. Den individuellen Leistungen kommt im Arbeitsprozess eine zunehmende Bedeutung zu, die Arbeit fordert immer mehr die ganze Person. Die Subjekte sind aufgerufen, eigenständig die eigene Lebensführung zu managen und eigenverantwortlich den Alltag zu gestalten. Ähnlich beschreibt auch Michel Foucault in seinen Gouvernementalitätsstudien den „Unternehmer seiner selbst“.

Das Internet ist, wie jede Alltagstechnik, eng mit dem beschriebenen gesellschaftlichen Wandel verwoben. Es entstehen neue Tätigkeiten und Anforderungen und nicht zuletzt neue Berufsfelder wie Online-Journalismus, Web-Design oder Social Media Beratung. Auf der Grundlage technik- und arbeitssoziologischer Theorien werden im Teilprojekt „Webbasierte Erwerbsarbeit“ die alltäglichen soziokulturellen Praktiken von jungen Erwerbstätigen (15- bis 30- Jährigen) analysiert, die in diesen Berufsfeldern arbeiten, teilweise in geregelten Arbeitsverhältnissen, oftmals aber ohne feste Anbindung.

Fragestellungen

  • Welche soziokulturellen Praktiken entwickeln die AkteurInnen in unterschiedlichen Berufsfeldern?
  • Wie nutzen und gestalten sie konkret verschiedene informationstechnische Werkzeuge und mediale Schauplätze im Internet?
  • Welche subjektive Bedeutung bekommt das Internet für die (Erwerbs-)Arbeitssituation zugewiesen?
  • Wie konstituieren sich die Erwerbstätigen in ihrem Arbeitsalltag selbst als arbeitende Subjekte?
  • Welche neuen Formen des (Arbeits-)Alltags von Berufstätigen bilden sich damit heraus?
  • Lassen sich Arbeitsformen und Subjektkonstruktionen feststellen, die über einzelne Praktiken und einzelne AkteurInnen hinaus über Berufsfelder hinweg Ähnlichkeiten aufweisen?

Vorgehensweise

Wir arbeiten mit folgenden Erhebungsmethoden:

  • Qualitative Interviews: Es werden 30 Leitfaden Interviews mit Menschen geführt, deren zentraler Arbeitsgegenstand das Internet ist. Die Interviews werden anhand eines Leitfadens geführt, der zum Einstieg eine biografische Frage sowie diverse Sättigungsfragen zur eigenen Internet-Biografie enthält; im Weiteren geht es um die Bedeutung von Arbeit, Alltag und Tagesabläufen, um Zufriedenheiten sowie Zukunftspläne.
  • Methode der Software basierten Aufzeichnung von Internetpraktiken: Mit Hilfe einer Software werden 30 typische Internetsessions aus dem Netzalltag der Interviewten aufgezeichnet. Diese Methode wurde in einem vorangegangen Forschungsprojekt bereits erprobt (Carstensen/Winker 2005). Im Anschluss an das Interview werden die Interviewten gebeten, am Computer Routinen und typische Tätigkeiten auszuführen und diese durch „lautes Denken“ zu begleiten.
  • Mit Hilfe von Webanalysen (Auswertungen von Beiträgen in Weblogs, Foren und auf Social Networking-Plattformen) werden die in den Beiträgen enthaltenen Selbstdarstellungen, Werte- und Normorientierungen erhoben.

In der Auswertung arbeiten wir mit einer Kombination aus Grounded Theory (Strauss 1991; Strauss/Corbin 1996) und Intersektionaler Mehrebenenanalyse (Winker/Degele 2009).

Leitung:

Prof. Dr. Gabriele Winker / Dr. Tanja Carstensen
Arbeitsgruppe Arbeit-Gender-Technik, TU Hamburg-Harburg

Wissenschaftliche Mitarbeiterin:

Jana Ballenthien, M.A.

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